Teppich

Hochzeitsgeschenk eines türkischen Ehepaars

Datierung: k.A. oder unbek.. Standort: BAWUE

Teppich

Bei diesem blau-rot gemusterten Teppich handelt es sich um den Hochzeitsteppich eines türkischen Ehepaars. Die Heirat fand 1987 in Istanbul statt. In der Türkei ist es nicht unüblich, dass Hochzeitsgeschenke erst nach der Hochzeitsfeier überreicht werden. Viele Gäste besuchen das Ehepaar Tage später und übergeben dann ein Geschenk. So erging es auch diesem Ehepaar mit dem Teppich, den sie von einer Verwandten der Ehefrau geschenkt bekamen. Der Teppich war eine der wenigen Dinge, die das Paar bei ihrer Ausreise nach Deutschland mitnahm. Seit ihrer Ankunft in Stuttgart im Jahre 1992 ziert er ihre Wohnung und bleibt stets ein sichtbarer Zeuge ihrer gemeinsamen Zeit in Istanbul.
Frau S. war zum Zeitpunkt der Ausreise 35, ihr Mann ein Jahr älter. Sie arbeitete damals als Deutschlehrerin und ihr Mann als Geigenbauer. Da sich beide beruflich weiterentwickeln wollten und in dieser Hinsicht in Deutschland bessere Zukunftsmöglichkeiten sahen, entschieden sie sich, auszuwandern. Zunächst wohnte das Ehepaar in einer 1-Zimmer-Wohnung über der Instrumenten-Werkstatt, in der Herr S. eine Anstellung gefunden hatte. Ihre in Deutschland begonnene Promotion brach Frau S. ab, nachdem sie einige Monate nach ihrer Ankunft schwanger geworden war. Mit ihrem Kind versuchte sie so viel Zeit wie möglich im Freien zu verbringen und lernte so vor allem Teile des Stuttgarter Südens kennen. Als das zweite Kind kam, war die Familie bereits in eine größere Wohnung umgezogen.

Frau S. erinnert sich noch daran, wie sie am ersten Morgen nach ihrer Ankunft in Stuttgart mit einem traurigen Gefühl aufwachte und sich fragte, was sie hier eigentlich tue. Dennoch war sie von Anfang an entschlossen, ein aktiver Teil der für sie neuen Gesellschaft zu werden. Sie versuchte, offen für Neues zu sein, denn sie wollte sich hier angekommen fühlen. Aus diesem Grund vermied sie zu jener Zeit intensive Kontakte zu ihrer Heimat.
Frau S. sagt über sich selbst, dass sie sich manchmal "fast ein bisschen zu viel" mit der deutschen Kultur identifizierte. Schon in der Türkei begeisterte sie zum Beispiel die deutsche Literatur mehr als die türkische. Doch nach etwa 10 Jahren in Stuttgart merkte sie, dass sie viele Verbindungen zu ihrer Heimat zwanghaft verdrängt hatte. Bestimmte Musik und Gerüche weckten in ihr auf einmal Erinnerungen an ihre Heimat und sie begann, ihre Wohnung mit Dingen zu schmücken, die sie mit der Türkei und Istanbul verband. Den langen Bruch mit der Türkei versuchte sie nicht nur durch das Aufstellen bestimmter Gegenstände zu schließen, sondern auch durch das Lesen türkischer Literatur. Orhan Pamuk wurde (erst hier) zu ihrem Lieblingsautor: er zeigte ihr die Türkei in einem neuen Licht.

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